Fotos & Eröffnungsrede: Selbstbetrachtung(en)

Gemeinschaftsausstellung 2024

Mittwoch, 27. November 2024

Eröffnungsrede von Cornelia Lehner (freie Kulturmanagerin und Intendantin Kepler Salon, Linz)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Kunstbegeisterte!

Es ist mir eine Freude, Sie heute Abend zur Jahresausstellung 2024 der Galerie DIE FORUM hier in Wels willkommen zu heißen. Unter dem Titel „Selbstbetrachtung(en)“ haben Sie sich, die Künstlerinnen und Künstler dieser Gemeinschaft und ihre Gäste, mit einem Thema auseinandergesetzt, das uns alle auf die eine oder andere Weise berührt: dem Blick in den Spiegel – nicht nur als physisches Objekt, sondern als Symbol für die Auseinandersetzung mit uns selbst. Ein Spiegel zeigt, wer wir nach außen sind. Aber, wie Hannah Arendt die große Denkerin des 20. JH einst sagte: „Die Realität des Selbst besteht in der Tatsache, dass man sie nicht sehen kann.“ Was im Spiegel sichtbar wird, ist nur die Oberfläche. Es braucht die Kunst, die Reflexion und das Nachdenken, um die tiefer liegenden Schichten zu ergründen. Die Ausstellung, die Sie heute gestaltet haben, die wir heute erleben dürfen, spürt diesen Schichten nach. Sie stellt die Frage, wie wir uns selbst sehen – nicht nur in der stillen Introspektion, sondern auch in der Konfrontation mit unserer Umwelt, mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem anderen Blick, der uns zurückgeworfen wird. Jede Arbeit hier ist ein Blick in eine ganz persönliche Wahrheit, und doch finden wir in diesen Arbeiten auch uns selbst wieder.

Mark Aurel, dessen „Selbstbetrachtungen“ dieser Ausstellung thematisch zugrunde liegen, erinnert uns daran, wie wichtig es ist, den eigenen Geist zu kultivieren, denn „das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.“ Die Werke dieser Ausstellung fordern uns auf, die Gedanken, die wir mit uns tragen, zu hinterfragen – genauso wie die Bilder, die wir von uns selbst und von anderen haben.

Die Galerie DIE FORUM hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, wie fruchtbar ein offener, gemeinsamer Prozess sein kann. Es ist dieses Vertrauen und diese Verbundenheit, die es ermöglichen, Jahr für Jahr etwas Einzigartiges zu schaffen – eine Ausstellung, die den individuellen Ausdruck feiert und zugleich die Kraft der Gemeinschaft sichtbar macht. Zu diesem Gedanken darf ich ein persönliches Erlebnis teilen: Es war in den 1990er Jahren als ich an der Kunstgewerbeschule in Linz maturierte. Und wie das im Schulkontext so ist, gibt es auch durchaus eine Konkurrenzbeziehung der MitschülerInnen untereinander. Aber an jenem Tag, an dem wir damals unsere Abschlussarbeiten aus den Werkstätten – Holz, Metall, Textil – aufbauten, da waren wir eine Gemeinschaft. Die einzelnen Arbeiten wurden zu einer kollektiven Erzählung.
Nochmal zurück zum Titel der Jahresausstellung: Der Begriff der „Selbstbetrachtung“ vereint zwei wesentliche Aspekte: das „Selbst“ und die „Achtung“. Sich selbst zu betrachten, bedeutet, mit Respekt und Offenheit auf das eigene Innere zu schauen – auf das, was uns antreibt, formt und manchmal auch herausfordert. Kunst hat die Kraft, diesen Prozess anzustoßen. Sie gibt uns eine Sprache für das Unsagbare und eine Form für das Unfassbare.

Marc Aurel schrieb in seinen „Selbstbetrachtungen“: „Es kommt nicht darauf an, was dir widerfährt, sondern wie du darauf re-agierst.“ Dieses Prinzip spiegelt sich in der bildenden Kunst wider, die nicht nur die Realität abbildet, sondern sie transformiert. Die Werke dieser Ausstellung setzen sich mit den Fragen auseinander: Wie gestalten wir das Bild, das wir von uns selbst und von der Welt haben? Und wie wird dieses Bild von äußeren Einflüssen geprägt – oder vielleicht sogar verzerrt? „Selbstbetrachtung“ – dieses Wort mag zunächst nach etwas sehr Persönlichem, Intimen klingen. Ein Blick nach innen, ein Sich-Selbst-Finden. Doch in dieser Ausstellung entfaltet sich das Konzept der Selbstbetrachtung in einem erweiterten Kontext: von der Singularität zum Plural. Vom Ich zum Wir. Diese Ausstellung lädt uns ein, diesen Spannungsbogen zu reflektieren: Wie definieren wir uns in der Begegnung mit anderen? Was bleibt vom „Ich“, wenn es sich im „Wir“ verortet?

Liebe Gäste, die Welt im außen ist fragil geworden, multiple Krisen fordern uns Menschen heraus – umso wichtiger sind Orte wie dieser hier, die Galerie Die Forum, wo Menschen zusammenkommen und das Ich dem Wir begegnet. Wo wir das Gemeinsame vor das Trennende stellen. Ich danke den Künstlerinnen und Künstlern, die diese außergewöhnlichen Arbeiten geschaffen haben, und ich danke Ihnen, dass Sie / dass ihr heute mit uns diesen Dialog führen. Möge diese Ausstellung ein Ort des Nachdenkens und der Inspiration für uns alle sein!

Fotos von Renate Billensteiner

Eine Antwort zu „Fotos & Eröffnungsrede: Selbstbetrachtung(en)“

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